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PRÄNATALDIAGNOSTIK: Nobody is perfect

 

Keiner ist vollkommen

Die Frage nach dem Geschlecht beantworten die meisten Schwangeren gleich: "Egal, Hauptsache es ist gesund!"

Mittels den Fortschritten der modernen vorgeburtlichen Untersuchungsmethoden scheint dieser Wunsch heute für fast jede Frau erfüllbar: schließlich könne man ja während der Schwangerschaft schnell mal nachschauen, ob das Kind "normal" ist. Bei einem unauffälligen Untersuchungsergebnis könne sich dann die Frau, ungeachtet der vorher sie belastenden Ängste, auf ein "gesundes" Kind freuen.

Aber bedenken Sie - was geschieht bzw. wie verhalten Sie sich, wenn der Befund auffällig ausfällt?

Da jedoch selbst das Wissen um einen auffälligen Befund nie die ganze und endgültige Wahrheit darstellen kann, möchte ich hier kurz die Problematik der Pränataldiagnostik mit einigen kritischen Gedanken hinterfragen - damit Sie im Konfliktfall besser informiert sind.

Das menschliche Erbgut

Die verschiedenen Zellen des menschlichen Körpers produzieren unter der Kontrolle von Genen eine Unzahl von chemischen Verbindungen.
Gene sind die Orte, an denen eine oder mehrere Erbinformationen gespeichert sind. Sie bestehen aus der sog. DNS (DesoxyriboNukleinSäure).
Gene befinden sich auf den jeweiligen Chromosomen im Zellkern, d.h. der Kommandozentrale einer jeden menschlichen Zelle. Jeder menschliche Zellkern besitzt normalerweise 46 Chromosomen, bestehend aus 23 Chromosomenpaaren (je ein Paar Geschlechtschromosomen XX-weiblich oder XY-männlich sowie 22 Paare sog. Autosomen).
Sind zu wenige oder zu viele Chromsomen vorhanden, so führt dies zu körperlichen und/oder geistigen Entwicklungsschäden des Kindes, je nachdem, welches Chromosom ganz oder teilweise fehlt bzw. überzählig ist.

Pränataldiagnostik

  • Im weiteren Sinne handelt es sich hierbei um alle vorgeburtliche Untersuchungen, mit denen das gesundheitliche Wohlbefinden des Ungeborenen untersucht werden kann.
    An allererster Stelle ist hierbei die nebenwirkungsfreie, aber manchmal auch problembeladene Ultraschalluntersuchung zu nennen: einerseits lassen sich schnell und einfach unproblematische Werte, wie z.B. Lage und Alter des Feten ermitteln; andererseits können sich hierbei jedoch auch Hinweise für Mißbildungen ergeben.
  • Im engeren Sinne wird bei der Pränataldiagnostik als Folge von auffälligen Ultraschallbefunden oder bei erhöhtem Risiko das genetische Erbgut des Kindes untersucht.
    Hierbei werden mittels diverser Techniken der Mutter Zellen des Mutterkuchens (Chorionzottenbiopsie), Fruchtwasser (Amniozentese)), Gewebe oder Blut der Nabelschnur zur exakten Analyse des kindlichen Erbgutes entnommen. Das Ergebnis gibt dann Hinweise für das evtl. Vorliegen von Behinderungen des werdenden Kindes.

Routineuntersuchung?

Heutzutage besitzt die Pränataldiagnostik einen festen Platz im medizinischen Angebot für Schwangere.
Für jede schwangere Frau stellt sich deshalb am Anfang ihrer neun Monate die Frage, ob - und wenn ja - in welchem Umfang sie diese Untersuchungen durchführen lassen will.

Mir liegt es am Herzen, meine schwangeren Patientinnen ausreichend zu beraten, ohne hierbei zu viele Ängste zu schüren und sie zu sehr zu verunsichern.

Risiko

Im Rahmen der Pränataldiagnostik nimmt der Begriff "Risiko" eine zentrale Stellung ein.
Welche Schwangere möchte für ihr Ungeborenes nicht Risiken vermeiden?
Der Begriff kann jedoch auch irreführend sein:
Mittels Pränataldiagnostik kann zwar geprüft werden, ob eine Behinderung vorliegt. Falls dabei jedoch wirklich ein schweres Missbildungs-Syndrom diagnostiziert wird, gibt es häufig keinerlei Therapiemöglichkeiten.

Letztendlich besteht die einzige Wahl, die der betroffenen Frau dann offentsteht, sich für oder gegen ein behindertes Kind zu entscheiden.

Garantie

Durchschnittlich weisen zwei bis drei Prozent aller Kinder bei der Geburt irgendeine Behinderung im weiteren Sinne auf.
Mit Hilfe der modernen Ultraschalltechnik und der Diagnostik des Erbgutes lassen sich heutzutage ca. 80% aller Missbildungen bereits vorgeburtlich erkennen.


Aber auch die Pränataldiagnostik kann nicht in die Zukunft blicken:                                                                  sie kann deshalb keine genaue Auskunft über die jeweiligen individuellen Entwicklungsmöglichkeiten des zukünftigen Menschen bzw. keine Garantie für ein absolut gesundes Kind geben.

Behinderung

Trotz unserer Neigung zum Perfektionismus: Behinderungen sind normal!
Genetisch bedingte Behinderungen wie z.B. die Trisomie 21 (Down-Syndrom) sind zwar relativ selten. Aber sie gehören genauso zum Menschsein, zu den genetischen Möglichkeiten, was ein Mensch sein kann.
"Behinderte" haben dasselbe Potential zu einem glücklichen Leben wie "Nicht-Behinderte" !

Schwangerschaftsabbruch

Bitte bedenken Sie: was zunächst wie eine harmlose Routineuntersuchung aussieht, kann ungeahnte Folgen haben und den weiteren Genuß einer Schwangerschaft massiv beeinträchtigen!

Eine Schwangere, die sich zu einer weiterführenden pränatalen Diagnostik entscheidet, muß vorher wissen, daß sie sich als Folge davon eventuell mit dem Thema eines Schwangerschaftsabbruches auseinandersetzen muß.

Zusammenfassung

Pränataldiagnostik ist ein stark emotional beladenes Thema, das nicht immer nur rein rational diskutiert werden kann.

Fakt ist allerdings auch, daß unsere als Kleinfamilie strukturierte Gesellschaft, in der häufig nur intellektuelle und messbare Leistung zählt, die Geburt eines schwer behinderten Kindes nicht immer befriedigend auffangen kann.

Im Konfliktfall sollten Sie frei und unbeeinflußt von Dritten Ihre persönliche Entscheidung treffen, nachdem Sie sich ernsthaft mit der zugrundeliegenden Problematik beschäftigt haben.

Als beratender Frauenarzt kann ich Ihnen hierbei nur möglichst viele Informationen geben - die letztendliche Entscheidung kann nur beim betroffenen Paar liegen, wobei es sich nur von seinem persönlichen Urteil leiten lassen sollte.

Das betroffene Elternpaar hat grundsätzlich drei Möglichkeiten:

 

  • Wir werden unser Kind so annehmen wie es ist:
    Sie sollten keine vorgeburtliche Diagnostik durchführen lassen.
  • Wir sind noch unsicher:
    Sie können die Nackentransparenzmessung und/oder den TRIPLE-Test durchführen lassen. Es handelt sich hierbei um für das Kind völlig gefahrlose und einfache Methoden, die jedoch nur eine individuelle Risikoabschätzung erlauben: sie stellen
    keine sichere Diagnose!
  • Wir wollen ganz sicher wissen, ob unser Kind hinsichtlich des Erbgutes gesund ist: Chorionzottenbiopsie oder Amniozentese geben Sicherheit - mit dem Risiko, daß bei einem gesunden Kind eine Fehlgeburt ausgelöst werden kann.

 

Übrigens:

97% aller Kinder kommen gesund zur Welt!

Nützliche Links:

Bundesinstitut für Risikobewertung:  http://www.bgvv.de/                                                           SS-Konfliktberatung: http://www.donumvitae-aschaffenburg.de                                                                          Pro Familia  http://wwwprofamilia.de                                                                                                            Genetische Beratung und Diagnostik der LMU München http://www.pedgen.med.uni-muenchen.de/medgen/patinfo/patinfo_f.html                                                                                                  Genetische Grundlagen http://www.eurogen.de